Diagnostik und Therapie von Augenerkrankungen bei Hund und Katze haben
in den vergangenen Jahren in der Kleintierpraxis erheblich an Bedeutung
gewonnen. Dies ist einerseits auf die verbesserten instrumentellen Möglichkeiten
in der Diagnostik zurückzuführen, andererseits sind gerade in
den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bezüglich der Therapie
von Augenerkrankungen gemacht worden. Auf dieser Basis und vor dem
Hintergrund einer zunehmenden Aufklärung der Besitzer durch
verschiedene Medien wird der praktizierende Tierarzt in steigendem Masse
mit zunehmend differenzierteren Fragestellungen der Ophthalmologie
konfrontiert und nicht selten übertrifft dabei die Erwartung der
Tierbesitzer das im jeweiligen Fall Machbare oder Mögliche. Eine der
wohl allen Beteiligten in ihrer Brisanz bewusste Fragestellungen taucht
dann auf, wenn es sich um eine plötzliche, akute oder überraschend
vom Besitzer festgestellte Erblindung des Patienten handelt. Der vollständige
Funktionsausfall der Augen, ein Ereignis, das seltsamerweise von fast
allen Besitzern mit der Vorstellung einer starken Schmerzhaftigkeit für
das Tier verbunden wird, wird sowohl bei einer über Nacht"
eingetretenen, als auch bei einer bis dahin unbemerkt gebliebenen
Erblindung als ein einschneidendes Ereignis sowohl im Leben des Patienten
als auch im Tagesablauf des Besitzers empfunden. Demzufolge wird die
Mehrzahl der Tierbesitzer entsprechend aufgeregt und gleichzeitig mit
einer sehr hohen Erwartungshaltung in der Praxis der Tierärztin/des
Tierarztes erscheinen und auf sofortige" Hilfe hoffen. Die ätiologische
Vielfalt der Erblindungen stellt aber den Diagnostiker vor eine
umfangreiche Aufgabe, denn die Anzahl der möglichen Ursachen ist zu
Beginn der Untersuchung aber nahezu unüberschaubar. Die eingehende,
sorgfältige und vollständige klinische Untersuchung des Auges,
seiner Adnexe und Funktionen ist eine unabdingbare Voraussetzung für
Diagnostik, Therapie und Prognose einer Augenerkrankung. In diesem
Zusammenhang ist es anzustreben, dass der praktizierende Tierarzt sich
routinemässig einfach durchzuführende Untersuchungsmethoden zu
eigen macht, die nur wenige ausgewählte Hilfsmittel erfordern. Sie
ermöglichen bei korrekter und konsequenter Anwendung in fast allen Fällen
eine genaue Diagnostik.
Die Erhebung der allgemeinen und speziellen Anamnese stellt
einen nicht zu unterschätzenden Anteil der gesamten Augenuntersuchung
dar. Dabei spielen die Beobachtungen des Besitzers hinsichtlich des
Auftretens (Wann?) und der ersten Symptome (Was?) der angenommenen
Augenerkrankung eine wichtige Rolle. Auch "Nebensächlichkeiten",
oder erst durch gezieltes Befragen seitens des Untersuchers vom
Patientenbesitzer geäusserte Details, können manchmal massgebend
hinsichtlich der Beurteilung des zeitlichen und ursächlichen Verlaufs
einer Erkrankung sein.
Selbstverständlich dürfen bei einer
kompletten Untersuchung der Augen die brigen Organsysteme und der
Allgemeinzustand des Patienten nicht unberücksichtigt bleiben.
Weitergehende Untersuchungen (Neurologische Untersuchungen, Röntgen,
Ultraschall, Labordiagnostik usw.) können ebenso wie Erhebungen
hinsichtlich früherer Erkrankungen, Operationen, Verletzungen,
Medikamentengabe, Impfungen usw. wichtige diagnostische Hinweise liefern.
Selbst die Fütterung kann entscheidende Fingerzeige auf die Ursachen
einer Augenerkrankung geben (Taurinmangel der Katze, ggf.
Hornhautdystrophien beim (Hund). In diesem Zusammenhang ist auch die
eventuelle bisherige medikamentelle Therapie der aktuellen Augenerkrankung
zu erfragen und genauestens zu dokumentieren. Häufig werden durch
diese Symptome verdeckt oder verschleiert, so dass die primäre
Ursache der Erkrankung erst diagnostiziert werden kann, wenn die aktuelle
Medikation unterbrochen wird (Verabreichung von Mydriatika oder Miotika
verhindern die Beurteilung des Pupillarreflexes, künstliche Tränen
können ein "trockenes Auge" -Keratokonjunktivitis sicca-
verschleiern, Vasokonstringentien verdecken u. U. eine Bindehautrötung
usw.).
Eine Reihe von Augenerkrankungen stellen auch Manifestationen
erblicher Dispositionen oder gar eine bekann te Erbkrankheit dar. Deshalb
könnten bekannt gewordene Augenerkrankungen der Wurfgeschwister oder
der Vorfahren des Patienten von grosser Bedeutung nicht nur für das
betroffene Einzeltier sein, und mitentscheidend für die Therapie
(entfällt z. B. bei PRA) und Prognose sein Untersuchung der Sehfähigkeit
Liegen Hinweise aus der Anamnese vor, die auf eine langsam sich
entwickelnde oder plötzlich aufgetretene temporäre oder
andauernde Verminderung der Sehkraft hindeuten, sollte die Überprüfung
der Sehkraft bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen in einer für
den Hund fremden Umgebung an den Anfang der Untersuchung gestellt werden.
Da in der Veterinärmedizin keine subjektiven (Mitarbeit des
Patienten) Untersuchungen (z.B. Sehtest) wie in der Humanophthalmologie
angewendet werden können, müssen die vorhandenen objektiven
Untersuchungsmethoden um so sorgfältiger und geplant benuzt werden,
um das Sehvermögen des Patienten beurteilen zu können.
a. Hindernis-Parcours Das Tier wird mit wechselseitig verbundenem Auge
durch einen Raum (oder im Freien) geführt, wobei stationäre
(Stuhl, Besenstiel, Tischbeine, Eimer, Hocker, Kartons u. ä.) und
sich bewegende Hindernisse den Weg versperren. Manchmal ist es auch
ratsam, den Hund frei im Untersuchungsraum in Richtung auf seinen Besitzer
zu laufen zu lassen, da gelegentlich das Führen an der Leine durch
einen Hindernis-Parcours nicht gelingt.
b. Wattetest Ein nicht zu
grosser Wattebausch wird von einem hinter dem Hund stehenden Helfer von
oben vor dem Hund fallen gelassen. Die Reaktion des Hundes auf den langsam
vor seinen Augen herunterschwebenden Wattebausch (geräuschlos,
geruchlos, keine Luftbewegung!!) kann dann vom Untersucher, der den Hund
von vorn beobachtet, sehr gut beurteilt werden. Wichtig ist es, den Hund
vor dem Test nicht mit dem Wattebausch zu konfrontieren, ihn von den Vorgängen
hinter seinem Kopf abzulenken und den Test so durchzuführen, dass möglichst
beim ersten Versuch ein eindeutig positives oder negatives Urteil möglich
ist. Wiederholungen des Test stossen auch bei einem sehenden Hund meist
auf zunehmendes Desinteresse.
c. Positionierungsreflex In Abänderung
des Positionierungstests aus dem Bereich des neurologischen
Untersuchungsgangs wird der Hund auf dem Arm gehalten und so an einen
nicht zu hohen Tisch geführt- ohne dass der Hund mit dem Tisch
Kontakt hat-,dass seine Vorderbeine die Tischkante erreichen könnten.
Der sehende Hund wird reflektorisch versuchen, seine Vorderpfoten auf dem
Tisch zu plazieren, um Halt zu finden. Die Aussagekraft von sog. Drohgebärden,
Finger- oder Handbewegungen vor dem Patienten ist zu unsicher, als dass
ihnen eine klinisch-diagnostische Relevanz beigemessen werden könnte.
Ebenso unsicher, wenn nicht sogar nutzlos oder verwirrend können
Aussagen des Besitzers über die vermeintliche Sehkraft oder Blindheit
des Tieres sein, wenn sie nicht genauestens hinterfragt werden (Lichtverhältnisse,
Leinenführung, gewohnte oder fremde Umgebung usw.).
Aber auch bei Beachtung aller tierspezifischen Umstände und sorgfältiger Durchführung der "Sehtests" könnenpartielle Sehverluste unentdeckt bleiben. Es ist daher ratsam, das Sehvermögen des Hundes nur in "uneingeschrnkt", "eingeschränkt" oder "fehlend" unter definierten Lichtverhältnissen und in Bezug auf ein oder beide Augen einzuteilen.
Wenn es sich um eine einseitig aufgetretene Erkrankung handelt, sollte das bisher (vermeintlich) nicht erkrankte Auge immer zuerst untersucht werden. Die Umgebung der Augen, ihrer Adnexe und das Vordersegment werden zunächst unter normalen Tageslichbedingungen vergleichend betrachtet, wobei eine in ihrer Intensität regelbare, punktförmige Lichtquelle vorteilhaft, aber nicht unbedingt erforderlich ist. Die eingehendere Untersuchung von einzelnen Strukturen des Auges und seiner Adnexe muss aber unter Zuhilfenahme einer zusätzlichen Lichtquelle am gehaltenen Patienten vorgenommen werden. Dabei erweist es sich als hilfreich, wenn ein mit dem Untersuchungsgang vertrauter Helfer einerseits die Körperhaltung des Tierres kontrolliert, und andererseits bei speziellen Verichtungen helfen kann, um dem Untersucher die Handhabung von Instrumenten zu erleichtern. Vergrösserungshilfen (Lupe, Biomikroskop) sind für das Auffinden von Details bisweilen unentbehrlich.
Untersuchung bei Tageshelligkeit (Umgebungslicht)
Der routinemässige Augenuntersuchungsgang erfolgt bei Umgebungslicht unter fakultativer Verwendung einer zusätzlichen regelbaren Lichtquelle (gebündeltes Licht)nach folgendem Schema:
1. Umgebung der Augen, Augenvergleich
2. Lidspalte, Bulbus als
Ganzes
3. Augenlider
4. Sichtbare Teile der Bindehaut und Sklera
5. Kornea
6. Vorderkammer
7. Iris
8. Pupille
9.
Linse
10.Glaskörper
11.Fundus
12.Digitale Tensionsprüfung
13.Schirmer Tränen Test, Tupferproben, Geschabsel
14.Untersuchungen
in Oberflächenanästhesie: a. Hervorziehen des dritten Augenlids
und der Bindehauttaschen b. Gonioskopie mit Kontaktglas c. Instrumentelle
Tonometrie d. Sondierung und Sp lung der tränenableitenden
Wege e. Anfärbemethoden der Hornhaut
15. Untersuchungen in
Mydriasis: a. Spaltlampenbiomikroskopie (Linse, Glaskörper) b.
Direkte und indirekte Ophthalmoskopie
16. Weiterführende
Untersuchungen (Röntgen, ERG, Sonografie, Fluoreszenzangiografie)
Untersuchung mit einer punktförmigen Lichtquelle
(Untersuchung
im auffallenden Licht)
Während die Untersuchungsleuchte in einem
variablen Winkel zur Untersuchungsrichtung das Auge beleuchtet, können
Hornhaut, Vorderkammer und Linse bis hin zum Glaskörperraum
untersucht werden. Beim linsenlosen (aphaken Auge) kann ohne weitere
Zusatzinstrumente sogar der Augenhintergrund (Fundus) scharf gesehen
werden.
(Untersuchung im durchfallenden Licht)
Entweder hält
der Untersucher die Lichtquelle dicht vor sein eigenes Auge und lässt
die Lichtstrahlen in seiner Blickrichtung in das Patientenauge fallen
(Untersuchung im reflektierten Licht), oder die Lichtquelle befindet sich
dicht vor dem Auge des Patienten welches aus einiger Entfernung betrachtet
wird. Bei der Untersuchung im reflektierten Licht unterstützt der
Fundusreflex des Tieres die Lokalisierung von Trübungen oder Fremdkörpern
im Auge, wenn man sich das Prinzip der "parallaktischen Verschiebung"
zunutze macht: Durch Eigenbewegungen des Untersuchers vor dem
Patientenauge verschieben sich die Schatten entsprechend ihrer Entfernung
von der Pupillarebene.
1. Umgebung des Auges
Neben primären, infektiösen
oder traumatischen periokularen Veränderungen sind vor allem sekundäre
Veränderungen der Augenumgebung von Bedeutung. Augenausfluss
Vermehrter Tränenfluss (Epiphora) mit der Ausbildung von "Tränenstrassen",
sowie Verfärbungen und Haarausfall rund um die Augen, aber auch
seromuköser oder purulenter Augenausfluss deuten auf eine Erkrankung
der tränenableitenden Wege oder eine chronische (!) Irritation des
Auges hin.
2. Lidspalte, Bulbus als Ganzes
a. Form- und Grössenveränderungen
am Auge oder in seiner Umgebung Es kann eine angeborene Fehlbildung ohne
Funktionsstörung (Mikrophthalmie) oder eine erworbene Verkleinerung
des Bulbus (Atresia bulbi, Phthisis bulbi) vorliegen, wie sie z. B. nach
End- oder Panophthalmitis, nach perforierenden Verletzungen oder nach
intraokularen Eingriffen vorkommen kann. Eine Vergrösserung des
gesamten Augapfels tritt als kongenitale Fehlbildung (Makrophthalmie) oder
als das Resultat eines Glaukoms auf (Hydrophthalmie). Diffuse periorbitale
Schwellungen können auf allergischer Basis entstanden sein, oder ihre
Ursache in periorbitalen sowie peri- und retrobulbären Infektionen
oder Neoplasien haben, und sind oftmals mit Veränderungen der
Augapfelposition verbunden, z.B. Exophthalmus , Nickhautvorfall oder
Strabismus. Cave infraorbitale Schwellungen oder Fisteln: Die Ursache der
Erkrankung ist sehr häufig im Bereich der Oberkiefer-Reisszhne zu
suchen ("Zahnfistel").
b. Position des Auges Ein
tiefliegendes Auge (Enophthalmus) beobachtet man z.B. bei schmerzhaften
Prozessen an der Hornhaut, Irritationen der Hornhaut durch die Lider oder
Zilien (Entropium,Distichiasis), Dehydration, Schwund des retrobulbären
Fettkörpers, Uveitis anterior oder reduziertem Sympathikotonus der
Augenmuskelparamide (Horner Syndrom). Ein hervorstehendes Auge
(Exophthalmus) wird z. B. bei raumfordernden retro- oder peribulbären
Prozessen und Deformationen der Orbita gesehen, "Pseudomakrophthalmie"
z. B. bei Myositis eosinophilica. Brachycephale Rassen zeigen oftmals
einen "physiologischen" Exophthalmus!
c. Fehlstellungen
des Auges Schielen (Strabismus) in Form des Strabismus convergens
(Esotropie) ist für einige Rassen physiologisch (Siamkatze) und kann
auch bei Hunden vereinzelt ohne funktionelle Einschränkung auftreten.
Strabismus divergens (Exotropie) ist für brachycephale Hunderassen
fast die Regel.
3. Augenlider
Fehlstellungen der Lider (Entropium,
Ektropium) können am besten beurteilt werden, wenn der Patient nicht
durch Zwangsmassnahmen (Zubindestrick, Maulkorb) beeinträchtigt ist,
und der Kopf vom Untersucher lediglich am Unterkiefer leicht angehoben
wird. Derbes Halten im Bereich des Nackenfells oder der Nasen-Wangenpartie
kann zu groben Fehlurteilen führen. Die Untersuchung der Lidränder
auf Fehlstellungen der Zilien (Distichiasis, Trichiasis) wird durch eine
Vergrösserungshilfe (Lupe, Lupenbrille, Spaltlampe) erleichtert, bzw.
erst möglich. Zusätzlich kann das Verschieben des Lidrandes über
die helle Sklera (pigmentierte Cilien gut sichtbar) und über den
(normalerweise) dunkleren Bereich der Iris und Pupille (unpigmentierte
Zilien gut sichtbar) sehr hilfreich sein, wenn das Untersuchungslicht
gleichzeitig von temporal auf die Lider strahlt.
4. Sichtbare Teile der Bindehaut und Sklera / Drittes Augenlid
Physiologischerweise ist nur der (meist pigmentierte) Rand des
dritten Augenlides knapp über dem unteren Lidrand ventro-nasal zum
inneren Lidwinkel hin ziehend sichtbar. Partieller oder totaler
(einseitiger oder beidseitiger) Vorfall der Nickhaut tritt in Zusammenhang
mit dem Horner-Syndrom (gleichzeitige Miosis, Ptosis und Enophthalmus) und
als Begleiterscheinung bei einer Reihe von Augenerkrankungen auf
(Enophthalmus, Mikrophthalmie, Entropium spastikum, Distichiasis,
Nickhautektropionierung, Nickhautadenom, Neoplasie). Bei Katzen tritt der
Nickhautvorfall auch oftmals im Zusammenhang mit einer Rhinitis oder
anderen Allgemeinerkrankungen (Sympathikolyse) auf. Die häufigste
Erkrankung des dritten Augenlids ist die Bläschenbildung auf der
Innenseite (Follikulose) oder im gesamten Nickhaut und Bindehautbereich
(Konjunktivitis follikularis).
Konjunktiva
Die Bindehaut des
Auges ist die am meisten exponierte Schleimhaut des Körpers und daher
verständlicherweise uch häfig Sitz einer lokalen Affektion des
betroffenen Auges. Aber auch eine Reihe von anderen Augenerkrankungen
gehen mit einer entzüdlichen Veräderung der Bindehaut einher
(Keratitis, Episkleritis, Uveitis, Glaukom usw.), so dass eine genaue
Differenzierung nach Primäaffektion oder Sekund " rmanifestation
notwendig ist.Wärend der Untersuchung der Bindehaut ist
dementsprechend besonders auf die konjunktivale Gefässtruktur (Füllungszustand,
Verlauf), die Farbe der Bindehaut, ev. Bindehautödeme (Chemosis),
Blutungen, Zubildungen oder Auflagerungen und die Oberflächenbefeuchtung
der Bindehaut zu achten.
Sklera
Bei der Untersuchung der Sklera
ist besonders auf diffuse oder knötchenartige Verdickungen zu achten
(Episkleritis). Farbveränderungen ins Schwarze und Vorwölbungen
(Sklerastaphylom) deuten u. U. auf eine Neoplasie, oftmals von der Uvea
ausgehend (Melanosis, Melanom) hin; ein sekundäres Glaukom kann
bestehen. In diesen Fällen ist dann am Übergang zur Hornhaut
(Limbus) die ziliare Gefässarchitektur zu beurteilen (Füllungszustand).
5. Kornea
Die physiologischerweise avaskuläre, völlig
durchsichtig erscheinende, glatte und glänzende Hornhaut verliert bei
einer grossen Anzahl von Augenerkrankungen primär oder sekundär
ihre Transparenz (lokale/diffuse, punktuelle, rauchige, milchige Trübung).
Der Grad der Trübung, ihre Ausdehnung und Stärke ist ebenso wie
ev. vorliegende oberflächliche oder tiefe Vaskularisation mit Hilfe
einer Lichtquelle in seitlicher Durchleuchtung oder im Auflicht gut zu
beurteilen. Auch Verfärbungen (Pigmenteinlagerungen), Pannus, Narben
oder Neubildungen, ebenso wie Substanzverluste (Epithelverlust, Ulkus
usw.) sind mit einer Lichtquelle und ggf. Hilfsmitteln wie Fluoreszein
sichtbar zu machen. Vorwölbungen der Hornhaut (Keratokonus,
Keratoglobus) sind besonders gut in seitlicher Durchleuchtung und
temporo-nasaler Beobachtungsrichtung zu sehen. Eine optimale Diagnostik
von Hornhautveränderungen gewährleistet die Untersuchung mit der
Spaltlampe (Biomikroskop), da dann Veränderungen auch in
unterschiedlicher Vergrösserung betrachtet werden können.
6. Vorderkammer
Die vordere Augenkammer wird hinsichtlich
ihrer Tiefe und ihres Inhalts beurteilt. Bei fokalen Zubildungen der Iris
oder Linsensubluxationen ist sie ungleichmässig tief, bei diffuser
Schwellung (Iritis) oder Vorwölbung der Iris (Napfkucheniris,
Linsenschwellung) ist sie seicht. Tiefer als normal ist sie z. B. nach
Luxation der Linse in die Vorderkammer. Abnormalen Inhalt stellen Blut
(Hyphaema), Leukozyten (Hypopyon) und andere Entzündungsprodukte
(Fibrin) der Iris und des Ziliarkörpers dar. Das
Iris-Linsen-Diaphragma und ggf. seine abnormale Beweglichkeit
(Iridodonesis, Lentodonesis) und der nasale Kammerwinkel können bei
seitlicher Durchleuchtung der Vorderkammer von temporal beurteilt werden.
Die detaillierte Kammerwinkeluntersuchung (Gonioskopie) erfolgt mit einer
Gonioskopielinse.
7. Iris
Eine Reihe von kongenitalen Veränderungen
(Kolobom, Membrana pupillaris/epipupillaris persistens, Iriszysten,
Heterochromie) können mit dem blossen Auge und einer Lichtquelle
untersucht werden. Die Mehrzahl dieser häufig auftretenden Veränderungen
ist glücklicherweise aber nicht relevant für die funktionelle
Integrität des betroffenen Auges. Anders verhält es sich, wenn
z. B. eine Membrana pupillaris Verbindung zum Endothel der Hornhaut hat,
was in der Regel bei seitlicher Durchleuchtung der Vorderkammer
verifiziert werden kann, und dort zu einer diffusen oder umschriebenen
Hornhauttrübung geführt hat (Cave differentialdiagnostisch:
Hornhautverletzungen). Auch eine Membrana pupillaris persistens kann im
Einzelfall zur Beeinträchtigung des Sehvermögens führen,
wenn grosse Teile der Pupillenöffnung verlegt sind. Bei der
Untersuchung der Iris sollte schon an dieser Stelle ein Augenmerk auf den
Pupillarreflex (der bis dahin medikamentell unbeeinflussten Iris)
gerichtet werden. Wichtig sind aber bei der Untersuchung im hellen
Umgebungslicht vor allem Veränderungen in der Grösse der Pupille
(Mydriasis, Miosis). Auch beobachtet man häufig ungleich grosse
Pupillen (Anisokorie) oder eine unrunde, verzogene Pupillenform (Dyskorie)
wie sie beispielsweise bei bestehenden Synechien der Iris vorliegen kann.
Darüberhinaus ist die Färbung der Iris (gleichmässig,
fleckig) und der Gewebszustand (Atrophie des Stromas, Ödem) zu
beurteilen, wobei ein unmittelbar hintereinander durchgeführter
Farbvergleich der Regenbogenhäute zu erfolgen hat.
8. Pupille und Pupillarreflex
Bei der Untersuchung werden
Rand und Form, sowie Pupillenstand vor und nach Auslösung der
Pupillenreaktion auf Licht beurteilt. Pupillarreflex Bei der Auslösung
des Pupillarreflexes mit einer Lichtquelle sollte einerseits der zeitliche
Verlauf der Reflexantwort,andererseits die Vollständigkeit des
direkten Pupillarreflexes an beiden Augen beurteilt werden; wichtig ist
aber auch die Interpretation des konsensuellen (indirekten)
Pupillarreflexes. Hierbei wird bei Lichteinfall in das eine Auge die
Reaktion der kontralateralen Pupille überprüft. Bewertung des
Pupillarreflexes Direkter positiver Pupillarreflex: Afferente Nervenbahnen
des stimulierten Auges sind intakt, Retina und Nervus optikus sind bis zum
Bereich des Chiasma optikum funktionabel. Efferente Leitungsbahn und
Muskulus sphincter pupillae sind intakt. Eine Aussage ber die Sehfähigkeit
des stimulierten Auges ist aber nicht möglich. Indirekter positiver
Pupillarreflex: Afferenz des stimulierten Auges und Efferenz des
kontralateralen Auges sind funktionsfähig.
9. Linse
Die Möglichkeiten der Untersuchung der
Linse sind in diesem Stadium des Untersuchungsganges noch sehr eingeschränkt
(noch keine medikamentelle Mydriasis, Reflektionen usw.) Dennoch könnten
grobe pathologische Veränderungen, die die Lage der Linse (Luxatio
lentis ant.=Linse in der Vorderkammer, oder Luxatio lentis posterior=sehr
tiefe Vorderkammer und Irisschlottern) oder weit fortgeschrittene Trübungen
betreffen, durchaus schon wahrgenommen werden. Purkinje Sanson`sche
Bildchen (PSB) Mit Hilfe einer punktförmigen Lichtquelle können
am untersuchten Auge die sog. "PSB" sichtbar gemacht werden,
deren richtige Bewertung und Interpretation eine ganze Reihe von
Informationen über das Auge lie fert. Sie entstehen als
Reflektionen der Lichtquelle auf der Hornhaut (1. Bild), auf der vorderen
Linsenkapsel (2. Bild) und auf der hinteren Linsenkapsel (3. Bild). Die
Zuordnung der einzelnen Bilder zu den genannten Strukturen des Auges wird
erleichtert, wenn man die Lichtquelle bewegt und gleichzeitig die
Bewegungsrichtung der PSB betrachtet: 1. und 2. Bild bewegen sich gleichläufig,
das 3. Bild verhält sich gegenläufig. Mit diesem einfachen
Hilfsmittel kann beispielsweise sehr leicht das Vorhandensein der Linse
(alle drei Bilder vorhanden), das Fehlen der Linse (nur ein Bild
vorhanden), oder eine Trübung im Bereich der brechenden Medien
des Auges in ihrer Lage bestimmt werden, indem man z. B. eine Trübung
oder Pigmentansammlung in ihrer relativen Lage einem der Bildchen zuordnet
und dadurch die betroffene Struktur identifizieren kann.
10. Glaskörper
Er kann uneingeschränkt, ebenso
wie Linse und Fundus, nur in medikamentell induzierter Mydriasis
untersucht werden. In Folge seiner gelartigen Konsistenz schwingen Glaskörpertrungen
(Fibrin, Blut, asteroide Hyalose) bei Bulbusbewegungen nach. Besonders ist
auf eine ev. in den Glaskörper luxierte, kataraktöse Linse oder
Netzhautablösungen zu achten.
11. Fundus (siehe Ophthalmoskopie)
12. Digitale Tensionsprüfung
Die digitale Palpation
des Bulbus ist nur bei erheblich verminderter bzw. stark erhöhter
Tension des Bulbus aussagekräftig, und auch dann nur, wenn beide
Bulbi gleichzeitig, bimanuell vergleichend palpiert werden. Die krassen
Fehleinschätzungen des tatsächlich herrschenden
Intraokulardrucks (i.o.D.) dieser sehr subjektiven Methode, und in ihrer
Folge die ggf. fatalen Auswirkungen für die Patienten können nur
durch eine objektive Messung vermieden werden.
13. Schirmer Tränen-Test, Tupferproben, Geschabsel
Mit
speziellen Fliesspapierstreifen wird die vorhandene Tränenflüssigkeitsmenge
gemessen. Der Teststreifen sollte ohne (Schirmer Test 1) Oberflächenanästhesie
des Auges mit seinem abgeknickten Ende für eine Minute in den unteren
Bindehautsack eingelegt werden. Das Ablesen erfolgt mit Hilfe einer
Millimeterskala. Physiologischer Bereich: 10-20mmVerdächtiger/gefährdeter
Bereich:<10mm Ergebnisse unter 5mm sind als hochgradig pathologisch verändert
anzusehen und dem Krankheitsbild des "trockenen Auges"
(Keratokonjunktivitis sicca, KCS) zuzuordnen. Bakteriologische und
Mykologische Untersuchungen Tupferproben oder Bindehautgeschabsel sollten
zu Beginn der Untersuchung von der Hornhaut, der Konjunktiva oder aus dem
Konjunktivalsack gewonnen werden. Eine vorherige Oberflächenanästhesie
sollte, wenn möglich, vermieden werden.
14. Untersuchungen in Oberflächenanästhesie
Gonisokopie
Für die Betrachtung des Kammerwinkels (Gonioskopie)
empfiehlt sich die Verwendung eines Kontaktglases (Gonioskopielinse nach
Barkan). Sie wird mit ihrer Konkavseite auf die Hornhaut gelegt und durch
den angefügten Silikonschlauch mit Kochsalzlösung gefüllt,
während sie gleichzeitig mit dem Zeigefinger sanft auf die Hornhaut
gepresst wird. Sind sämtliche Luftblasen aus der Linse entwichen, hält
der Silikonschlauch, frei herunterhängend, durch seinen
hydrostatischen Unterdruck die Linse auf der Hornhaut fest. In seitlicher
Durchleuchtung kann nun mit dem Otoskoplämpchen mit vorgeschalteter
Lupe oder einer Spaltlampe der Kammerwinkel in allen Quadranten untersucht
werden. Beurteilt werden dabei die Gestalt des Kammerwinkels (Lig.
pectinatum, Dysplasie des Lig. pect.) und sein funktioneller Zustand
(offen, eng oder blockiert). Nach Beendigung der Untersuchung wird durch
einfaches Anheben des Silikonschlauches die Linse wieder von der Hornhaut
gelöst.
Instrumentelle Tonometrie
In der Veterinärmedizin
wird zur Messung des intraokularen Drucks (i.o.D.) hauptsächlich das
Schiötz-Tonometer benutzt .Das Messprinzip des Schiötz-Tonometers
beruht auf der Bestimmung der Tension, dem Mass für die mit
konstanter Kraft hervorgerufene Eindellungstiefe der Hornhaut. Mit Hilfe
verschiedener Umrechnungsverfahren lassen sich dann die gefundenen Werte (
abgelesen als Skalenteile "SKT" oder "ST") in den
i.o.D. in mm Hg umrechnen. Bei Hunden und Katzen mit physiologischer
Hornhautbeschaffenheit kann der geübte Untersucher aber dennoch eine
den klinischen Ansprüchen der Augeninnendruckmessung angemessene
Aussage über den im Augeninneren herrschenden Druck machen.
Schwieriger, wenn nicht sogar manchmal unmöglich ist es allerdings,
auswertbare Messergebnisse bei unruhigen oder widersetzlichen Tieren zu
erhalten. Ebenso unzuverlässig sind die Messungen bei unebener,
vernarbter oder ausgetrockneter Hornhautoberfläche.Die amerikanische
Firma Oculab bringt nun für die Humanmedizin ein völlig neu
konzipiertes Druckmessgerät mit dem Namen "Tonopen" auf den
Markt. Dieses neue Tonometer ist ein batteriegetriebenes Messgerät,
das auf der Basis des MacKay Marg Prinzips den i.o.D. misst. Der Tonopen
ist das erste und bisher einzige Gerät dieser Grösse (18x2 cm),
das, mit einem Mikrochip bestückt, den i.o.D. misst und direkt auf
einem Flüssigkristalldisplay in mm Hg anzeigt. Der i.o.D. wird von
der Spitze des Tonopen von der Hornhaut aufgenommen, verstärkt,
digitalisiert und in einem Mikroprozessor analysiert und anschliessend auf
einem Display angezeigt. Unmittelbar vor dem Messvorgang wird der Tonopen
mit einem Fingerdruck aktiviert, die Messbereitschaft und korrekte Eichung
werden dabei durch ein akustisches Signal angezeigt. Die Messung am
Patientenauge erfolgt dann durch eine leichte Berührung der
Hornhautoberfläche, die im Durchschnitt 2 -4 mal hintereinander
erfolgen muss. Jedesmal wenn eine gültige, d.h. verlässliche
Messung erfolgte, wird diese mit einem akustischen Zeichen quittiert. Ist
die für eine exakte Aussage erforderliche Anzahl von Messungen
erreicht, zeigt der Tonopen sofort nach einem akustischen Endsignal den
gemittelten i.o.D. in mm Hg für die Dauer von 20 Sekunden an und
schaltet sich dann automatisch ab. Da der Tonopen lageunabhängig ist,
kann er in jeder beliebigen Stellung zur Hornhaut eingesetzt werden. Die
Oberflächenanästhesie der Hornhaut für den Messvorgang ist
in den meisten Fällen wünschenswert, muss aber durchaus nicht
immer vorgenommen werden.
15. Untersuchungen in Mydriasis
Weitergehende
Untersuchungen der Augen erfordern eine Reduktion der Umgebungshelligkeit,
ohne dass völlige Finsternis im Untersuchungsraum herrschen muss.
Wichtig ist es aber, direkte Einstrahlung von vorhandenen Lichtquellen
auszuschalten, da diese zu irritierenden, unerwünschten Reflektionen
auf der Hornhaut und der Linse führen können.
Spaltlampenuntersuchung
Unter einer Spaltlampenuntersuchung
(Biomikroskopie) versteht man die Untersuchung der transparenten
Strukturen des Auges (Kornea, Vorderkammer, Linse und Glaskörper) im "optischen
Schnitt", d.h. mit einem fokussierten, spaltf " rmigen
Lichtstrahl und einem binokularen Beobachtungsmikroskop bei
unterschiedlichen Vergrösserungen. Idealerweise sind in der Veterinärophthalmologie
Handspaltlampen einzusetzen, da eine grössere Variabilität des
Standortes als in der Humanophthalmologie gewährleistet ist. Die
Hauptvorteile der Spaltlampenuntersuchung liegen darin, dass mit hellem
Licht (regelbar) auch feine Details (Trübungen, Auflagerungen) in der
Vergrösserung betrachtet und in ihrer Lage bestimmt werden können.
Daher eignet sich die Spaltlampe besonders zur Klassifizierung von
Katarakten, wenn es darum geht die Lage und Ausdehnung auch kleinster Trübungen
zu bestimmen.
Direkte und indirekte Ophthalmoskopie
Für
die Untersuchung des Augenhintergrundes (Fundus) stehen zwei wesentliche
Methoden zur Verfügung:
Direkte Ophthalmoskopie
Bei
dieser, bei richtiger Handhabung des Ophthalmoskops, einfach zu
erlernenden Methode, kann der Fundus des Hundes abschnittsweise untersucht
werden. Der Ausschnitt des Fundus, der gleichzeitig betrachtet werden
kann, ist aber (gerätetechnisch bedingt) nur sehr klein.
Indirekte
(monokulare oder binokulare) Ophthalmoskopie
Die auf den ersten
Blick umständlichere, aber sehr viel informativere und bei einiger Übung
auch einfacher am Patienten anzuwendende Methode vermittelt, je nach
Dioptrienzahl der gewählten Lupe, einen weitaus übersichtlicheren
Einblick auf den Fundus des Patienten. Bei Benutzung eines binokularen
Kopfbandophthalmoskops gewinnt der Untersucher einen stereoskopischen
Eindruck und kann durch die sehr plastische Darstellungsweise des
Augenhintergrundes z. B. Erhebungen oder Vertiefungen am Fundus besser
beurteilen. Das Bild der indirekten Ophthalmoskopie ist seitenverkehrt und
steht auf dem Kopf, bietet aber ein Vielfaches an Gesichtsfeld gegenüber
der direkten Ophthalmoskopie. Beurteilt werden können unter anderem:
Hyperreflexie im Tapetum - Aussehen des tapetumfreien Fundus - Veränderungen
am Sehnervenkopf - Gefässarchitektur
Weitergehende spezialisierte Untersuchungen
Für die
Diagnose und Differentialdiagnose von Augenerkrankungen stehen dem
Spezialisten über die genannten Untersuchungstechniken hinaus noch
eine Reihe von Spezialinstrumenten zur Verfügung wie z. B. die
Elektroretinografie oder der Ultraschall. Bei der Elektroretinografie
(ERG) werden sehr geringe elektrische Ströme (Mikrovolt) der Retina
gemessen, die auf ein einfallendes Lichtsignal hin am Auge entstehen, und
in ihrem Verlauf und ihrer Amplitude charakteristisch für eine Reihe
von (klinisch noch nicht oder nicht mehr sichtbaren) Erkrankungen sind. Häufigstes
Einsatzgebiet der Elektroretinografie ist die Überprüfung der
Funktionsfähigkeit der Netzhaut vor einer geplanten
Kataraktoperation, da hier oftmals der Blick auf den Fundus durch die getrübte
Linse hochgradig eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich ist.
Dadurch hat auch die Früherkennung erblicher Augenerkrankungen im
Bereich der Netzhaut in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte
gemacht. Ultraschall im A-Mode oder B-Mode-verfahren mit speziellen
Ultraschallgeräten für die Ophthalmologie, ist geeignet, bei
undurchsichtigen vorderen Medien des Auges (Katarakt, Blutung, Hornhauttrübung)
die Diagnostik trotzdem auf das Augeninnere auszudehnen. Auch zur
Untersuchung vermuteter entzündlicher oder tumoröser Prozesse
innerhalb der Orbita ist die Echografie gut geeignet.